Europäische Migrationsdebatten fokussieren sich vor allem auf einen Maßstab: die Verringerung der Zahl ankommender Menschen die nicht erwünscht sind. Erfolg wird routinemäßig verkündet, wenn die Grenzübertritte zurückgehen, die Ablehnungen von Visaanträgen zunehmen oder die Asylanträge sinken. Diese Zahlen werden als Beweis dafür verbreitet, dass die Politik „funktioniert.” Zahlen allein können jedoch nicht erklären, warum Menschen migrieren, wie sie sich in zunehmend restriktiven Systemen zurechtfinden oder was ihnen auf ihrem Weg widerfährt. Wenn politische Entscheidungsträger*innen sich auf Statistiken stützen, ohne die dahinterstehenden Realitäten zu verstehen, laufen sie Gefahr, das Problem falsch zu diagnostizieren und auf ineffektive – oder sogar schädliche – Ansätze zu setzen.
Genau deshalb ist afrikanische Migrationsforschung so wichtig. Das heißt, Forschung über Migration in und aus Afrika, insbesondere, durch in Afrika ansässige Wissenschaftler*innen. Diese Forschung macht Dynamiken sichtbar, die durch Zahlen verschleiert werden. Sie hinterfragt Annahmen, die die Politikgestaltung in Europa prägen, und rückt die Lebenserfahrungen von Menschen in den Mittelpunkt, deren Mobilität weitaus komplexer ist, als es Zahlen jemals wiedergeben können.
Zahlen erzählen nicht die ganze Geschichte
Wenn wir Migration und dessen Regulierung wirklich verstehen wollen, müssen wir uns fragen: Welche Zahlen betrachten wir? Die Zahlen, die uns sagen, dass die legalen Wege nach Europa in den letzten zwei Jahrzehnten stetig zurückgegangen sind? Oder dass 30 % der afrikanischen Antragsteller*innen ihr (nicht erstattungsfähiges) Schengen-Visum abgelehnt bekommen, weit über dem globalen Durchschnitt von 17,5 % Ablehnungen?
Ob die Zahlen der Menschen an der Grenze steigen oder fallen, sagt nicht alles aus. Diese Statistiken und die anhaltende Tendenz zum Zählen erfassen die „offizielle” Grenzübertritten an den Grenzen Europas (oder den erweiterten Grenzen), aber nicht die komplexen Prozesse, die Menschen überhaupt erst dazu bewegen, sich auf den Weg zu machen. Indem sich diese Statistiken fast ausschließlich auf die Ankunftszahlen und die Anzahl der Asylanträge konzentrieren, laufen politische Entscheidungsträger*innen Gefahr, die falschen Indikatoren zu betrachten und falsche Schlussfolgerungen darüber zu ziehen, warum Menschen sich auf den Weg machen, wie sie sich bewegen und unter welchen Bedingungen sie dies tun. Maßnahmen zur Verringerung der Ankunftszahlen können dazu führen, dass die Migrationswege umgeleitet werden, die Abhängigkeit von Schleusern zunimmt oder Menschen zu gefährlicheren Reisen gezwungen werden. Diese Aspekte bleiben in der Regel unsichtbar, wenn ein Erfolg nur anhand von Zahlen gemessen wird.
In diesem Zusammenhang ist Forschung zur Migration in und aus Afrika aufgrund zahlreicher Faktoren, die mit Ungleichheiten in der Wissensproduktion sowie der Frage, wem Gehör geschenkt wird und was politische Entscheidungsträger als „wichtig” erachten, nicht sichtbar genug.
Was uns afrikanische Migrationsforschung über Migrationsmuster verrät
Ein großer Teil der afrikanischen Migration, schätzungsweise rund 80 % aller afrikanischen Mobilität, findet innerhalb des Kontinents statt und nicht, wie oft angenommen, in Richtung Europa. Neuesten Zahlen zufolge stammen nur 15 % der weltweiten Migrationsbevölkerung aus Afrika, weit weniger als aus Europa (20 %) oder Asien (40 %). Menschen emigrieren aus beruflichen, bildungsbezogenen, familiären oder wirtschaftlichen Gründen, um Konflikten zu entkommen oder aus einer Kombination dieser Gründe. Diese Bewegungen erfolgen oft in zirkulären, temporären oder saisonalen Mustern.
Afrikanische Migrationsforschung, also Forschung, die sich explizit mit Migration in und aus Afrika befasst (wie die in dieser Liste über afrikanische Wissenschaftler*innen und Literatur), zeigt, dass Migration nicht einfach eine Reaktion auf Armut oder Instabilität ist und nicht durch Grenzkontrollen „abgeschaltet” werden kann. Stattdessen betrachten Staaten und Menschen in Afrika Mobilität als einen normalen und oft positiven Teil des sozialen und wirtschaftlichen Lebens. Unsere eigene Forschung zur Mobilität in Afrika zeigt auch, dass zwei Dinge gleichzeitig wahr sein können: Grenzen können durch neue Mauern oder verstärkte Kontrollen gestärkt werden, aber die Menschen bewegen sich weiterhin. Anders ausgedrückt: Grenzen können sowohl Sicherheit bieten, oder sie könnten verstanden werden als Möglichkeit Mobilität zu erleichtern.
Werden diese Dynamiken ignoriert, führt dies dazu, dass die abschreckende Wirkung von politischen Maßnahmen überschätzt und die Bestrebungen, die Widerstandsfähigkeit und die Anpassungsfähigkeit von Menschen, die sich auf der Flucht befinden, unterschätzt werden.
Warum afrikanische Forschung zu Mobilität und Migration wichtig ist
- Afrikanische Migrationsforschung ist an sich schon wichtig. Die Mobilität in Afrika verdient es, als eigenständiges Phänomen verstanden zu werden und nicht nur in Bezug auf ihre Auswirkungen auf Europa. Afrikanische Migration ausschließlich als „Problem” für Europa zu behandeln, verstärkt engstirnige, sicherheitsorientierte Sichtweisen und blendet die Stimmen und Erfahrungen afrikanischer Migrant*innen und Gemeinschaften aus. Tatsächlich gehört die Aufnahme von Zugewanderten, die langfristigen Perspektiven und das Leben von Migrant*innen in ihrer neuen Heimat weiterhin zu den drängendsten gesellschaftspolitischen Fragen unserer Zeit. Das Verständnis der Erfahrungen afrikanischer Migrant*innen ist von grundlegender Bedeutung für ein besseres Verständnis der globalen Migrationserfahrung, was beispielsweise ein neu begonnenes Projekt über das politische Leben von Migrant*innen in Afrika zum Ziel hat.
- Afrikanische Migrationsforschung trägt dazu bei, die Diskussion auf rechtliche Aspekte zu konzentrieren. Wenn politische Debatten von den Themen Kontrolle und Abschreckung dominiert werden, geraten Themen wie Menschenwürde, Schutz und Arbeitsrechte oft ins Abseits. Ein tieferes Verständnis von Mobilität rückt Migrant*innen nicht nur als Zahlen, sondern als Arbeitnehmende, Familienmitglieder und Rechteinhabende in den Vordergrund. Es liegt ein großes Potenzial darin, auf unseren Nachbarkontinent zu blicken, um etwas über Solidarität, Kulturen der Aufnahme und Beherbergung einiger der größten Flüchtlingsgemeinschaften als Brüder und Schwestern zu lernen, die Schutz benötigen und Würde verdienen.
- Auch Staaten in Afrika haben schwierige migrationspolitische Probleme und Herausforderungen im Zusammenhang mit Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung. Dies geschieht in einem besonderen historischen Kontext, der bis heute Einfluss darauf hat, wie Migrant*innen behandelt werden. Dabei handelt es sich jedoch auch um eine globale Geschichte. Und wie wir in unserer sich schnell verändernden Welt sehen, ist es an der Zeit anzuerkennen, wie die Vergangenheit des Kolonialismus uns alle beeinflusst, wenn wir neue Antworten wollen.
- Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit afrikanischer Migrationsforschung eröffnet neue Denkweisen für die Migrationssteuerung. Indem politische Entscheidungsträger*innen Mobilität als strukturelles und globales Phänomen anerkennen, welches bestimmt, wer sich auf welche Weise bewegen kann, können sie über krisengetriebene Reaktionen hinausgehen und Ansätze entwickeln, die Mobilität, Entwicklung und Schutz kohärenter miteinander verbinden.
Besseres Verständnis bedeutet bessere Politik
Immer wieder dasselbe zu tun und dabei ein anderes Ergebnis zu erwarten, ist ein Rezept für Misserfolg. Die Krise der Migrationssteuerung in Europa ist im Kern keine Krise der Zahlen, sondern eine Krise des Verständnisses. Die Konzentration auf Ankünfte, Ablehnungen oder Grenzübertritte verschleiert die tieferen Dynamiken, welche die Mobilität prägen. Afrikanische Migrationsforschung bietet kontextuelles Wissen, das erforderlich ist, um über eine reaktive, zahlenorientierte Politikgestaltung hinauszugehen und zu Ansätzen zu gelangen, die wirklich wirksam sind.
Was als „beste“ Politik gilt, wird immer von politischen Prioritäten abhängen, aber eines wird immer unbestreitbarer: Die Komplexität der Migration kann nicht verstanden werden, ohne die Perspektiven des Globalen Südens einzubeziehen. Wissenschaftler*innen, Gemeinschaften und Migranten*innen aus dem Süden verfügen über Erkenntnisse, die für die Gestaltung einer Politik, die die Realität und nicht nur Annahmen widerspiegelt, unerlässlich sind.
Dieser Beitrag erschien zuerst auf Englisch im Migration Policy Centre Blog. Übersetzt von Catharina Deeg.
Zitiervorschlag:
Bisong, Amanda; Zanker, Franzisca. Die Grenzen des Zählens: Was Europa bei afrikanischer Mobilität übersieht. FluchtforschungsBlog, 11. März 2026, https://fluchtforschung.net/die-grenzen-des-zaehlens-was-europa-bei-afrikanischer-mobilitaet-uebersieht/, DOI: 10.59350/m49yx-b4x62.