Schluss mit dem Alibiverhalten. Geflüchtete haben Perspektiven für unsere eigene Zukunft

Die Einbeziehung der Perspektiven von Geflüchteten in die Entwicklung wirksamer Reaktion und Maßnahmen des globalen Flüchtlingssystems ist noch nicht die Norm. Dies ist jedoch dringend notwendig.

Die Beteiligung von Geflüchteten kann dazu beitragen, das globale Flüchtlingssystem gerechter, effektiver, reaktionsfähiger und legitimer zu gestalten. Gemeinsam müssen wir uns ein System vorstellen, in dem Geflüchtete einen Platz am Tisch haben und wir unser Fachwissen und unsere Erfahrungen in ein System einbringen können, auf das wir angewiesen sind, um Schutz zu erhalten, und das wir in- und auswendig kennen.

Im Dezember 2021 kamen Regierungs- und andere Interessenvertreter*innen zum virtuellen  High-Level Officials Meeting (HLOM) zusammen, um Fortschritte zu bewerten und das Momentum der Umsetzung der Ziele des Globalen Pakts für Flüchtlinge von 2018 aufrechtzuerhalten, der eine Vision für eine verstärkte internationale Zusammenarbeit und Solidarität mit Geflüchteten und Aufnahmeländern verfolgt.

Doch nur drei der mehr als 70 staatlichen Delegationen, die an dem Treffen teilgenommen haben – die USA, Kanada und Deutschland – haben Geflüchtete als Berater*innen eingeschlossen. Und es ist das erste Mal, dass die USA und Deutschland Geflüchtete als Berater*innen in ihre Delegationen zu einem internationalen Treffen entsendet haben.

Durch Refugees Seeking Equal Access at the Table (R-SEAT), die Organisation, die wir mitbegründet haben und leiten, versuchen wir, die völlig inakzeptable Tatsache zu ändern, dass Geflüchtete bei Gesprächen über politische Maßnahmen, die unser Leben unmittelbar betreffen, außenvorgelassen werden. Wir fordern die internationalen Institutionen und Länder auf, uns in die zentralen Entscheidungsgremien des globalen Flüchtlingssystems einzubeziehen, zum Beispiel im Exekutivkomitee (ExCom) des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR).

Eine symbolische Repräsentation wird nicht ausreichen. Wir müssen in den Prozess der Erarbeitung neuer Lösungen und Programme einbezogen werden, und zwar auf eine Art und Weise, die sinnvoll und nicht nur symbolisch ist. Es reicht nicht aus, Geflüchtetenvertreter*innen zu einer Sitzung einzuladen, sie zu bitten, ihre Geschichten zu erzählen, und sich dann, nachdem sie gegangen sind, an die Entscheidungsfindung zu setzen – was nur allzu oft geschieht. Damit unsere Beteiligung sinnvoll ist, muss sie substanziell und nachhaltig sein und das Potenzial haben, die Ergebnisse zu beeinflussen.

Wie Bob Rae, Kanadas Botschafter bei den Vereinten Nationen in New York, sagte: „Wir müssen auf die Stimmen der Geflüchteten hören, und ihre Opferrolle und ihr Mangel an Handlungsmöglichkeiten müssen ein Ende haben. Das ist der Schlüssel für den Weg nach vorn, und er muss sowohl die nationale als auch die internationale Politik antreiben.“

Das ist etwas, das wir Geflüchteten nicht allein erreichen können. Deshalb brauchen wir Verbündete, die uns helfen, den Raum für eine sinnvolle Beteiligung zu schaffen und zu fordern, dass unsere Fähigkeiten, Erfahrungen und unser Wissen in den Prozess der Lösungsfindung einfließen.

Die Idee der Partizipation von Geflüchteten gewinnt in einigen Kreisen an Bedeutung und Dynamik, aber es ist noch ein weiter Weg. Auf dem Globalen Flüchtlingsforum der Vereinten Nationen 2019 – der ersten großen Veranstaltung im Anschluss an den Globalen Pakt für Flüchtlinge – waren rund 3.000 Teilnehmende, darunter Staats- und Regierungschef*innen, Minister*innen und Vertreter*innen von NGOs und Privatunternehmen. Jedoch waren nur etwa 70 Geflüchtete anwesend.

Auf lokaler Ebene haben viele Staaten erkannt, wie wichtig es ist, die Stimmen der Geflüchteten in die innenpolitischen Diskussionen einzubeziehen. In Schweden bringt ein jährliches, von Geflüchteten geleitetes Forum politische Parteivorsitzende mit Vertreter*innen von Migrant*innen- und Geflüchtetenorganisationen, lokalen Behörden, Privatunternehmen und Bürger*innen zusammen. Brasilien berät sich zunehmend mit Migrant*innenbeiräten und fördert aktiv die Beteiligung von Geflüchteten auf kommunaler und regionaler Ebene. Frankreich beherbergt die l’Académie pour la participation des personnes réfugiées, die die Beteiligung von Geflüchteten an Politik, Interessenvertretung und Verwaltung unterstützt. Und im November 2020 entschied der Oberste Gerichtshof von Kenia, dass die Beteiligung von Geflüchteten eine verfassungsrechtliche Voraussetzung für alle politischen Maßnahmen und Programme ist, die Auswirkungen auf Geflüchtete haben.

Nach Recherchen unseres Teams und unserer Partnerorganisationen haben sich in den letzten Jahren mehr als 30 Regierungen dafür ausgesprochen, die Beteiligung von Geflüchteten an globalen Treffen zu berücksichtigen. In der Realität bleibt die Beteiligung von Geflüchteten jedoch weitgehend aus – wie auf der HLOM im Dezember 2021 zu sehen ist.

Geflüchtete Menschen – einschließlich der Flüchtlinge – macht heute etwa ein Prozent der Weltbevölkerung aus. Unter Einbezug der sich beschleunigenden Klimakrise wird dieser Anteil bis 2050 voraussichtlich auf fast 15 Prozent ansteigen, wobei die Zahl von Geflüchteten möglicherweise eine Milliarde übersteigen wird.

Wenn die kollektive internationale Reaktion jetzt versagt – mit deprimierend niedrigen Umsiedlungszahlen und unwirksamen lokalen Integrationsstrategien – wird die Situation in den kommenden Jahren nur noch verzweifelter werden.

Weil wir sie erleben oder erlebt haben, sind wir uns als Flüchtlinge der Defizite der Neuansiedlung, lokalen Integration, freiwilligen Rückkehr und anderer Teile des globalen Systems weitaus bewusster als alle anderen. Unser Leben wird tagtäglich von den Mängeln des Systems beeinflusst, vom fehlenden Zugang zu Dienstleistungen bis hin zur langsamen Reaktion auf die Pandemie, insbesondere im globalen Süden, wo sich die meisten Geflüchteten befinden. Unsere Erfahrungen und Einblicke sind daher von unschätzbarem Wert, wenn es darum geht, die Probleme zu erkennen und anzugehen.

Es ist an der Zeit, dass Regierungen, politische Entscheidungsträger*innen, die Medien und die breite Öffentlichkeit auf der ganzen Welt mit einem erstickenden Klischee aufräumen: Geflüchtete sind nicht nur passive, hilfsbedürftige Opfer. Erkennen Sie uns als Partner*innen an, insbesondere in globalen politischen Entscheidungsprozessen, die unser Leben beeinflussen.

Jetzt ist es an der Zeit, dass die Staaten Maßnahmen ergreifen, um sicherzustellen, dass bei der nächsten internationalen Zusammenkunft zur Verbesserung des Schutzes von Geflüchteten noch mehr offizielle Delegierte mit Lebenserfahrung und Fachwissen aus erster Hand vertreten sind.

 

Dieser Beitrag stellt eine überarbeitete und ins Deutsche übersetzte Fassung des 2021 veröffentlichten Beitrags „End the tokenism. Give refugees a voice on our own futures“ im The New Humanitarian dar.

 

 

Teilen Sie den Beitrag

Facebook
Twitter
LinkedIn
XING
Email
Print