Nach dem Militärputsch in Myanmar/Burma im Jahr 2021 sehen sich Studierende und Lehrende der University of Yangon sowie anderer Bildungseinrichtungen erneut mit militärischer Gewalt, Unterdrückung, Inhaftierung und Krieg konfrontiert. Als Reaktion darauf reorganisieren sich akademische Gemeinschaften im Untergrund und im Exil und schaffen staatsautonome Bildungsinfrastrukturen – von informellen Lernräumen bis hin zu formelleren Initiativen wie Universitätsräte und Online-Universitäten. Der Artikel zeigt, wie diese Infrastrukturen auch als Ausdruck kollektiven Widerstands gegen autoritäre Kontrolle und für akademische Freiheit verstanden werden sollten. Anhand der Erfahrungen von Studierenden und Universitätsmitarbeitenden zeigen wir, wie lokale Solidaritätsnetzwerke, Diaspora-Gemeinschaften und transnationale akademische Allianzen das universitäre Leben und Bildungsfreiheit unter den Bedingungen von Krieg, Gewalt und Zwangsvertreibung aufrechterhalten. Zugleich hebt der Text die anhaltende Verletzlichkeit dieser neu entstehenden Bildungsinfrastrukturen hervor. Der Artikel leistet damit einen Beitrag zu (Hochschul-)Bildung unter den Bedingungen von Krieg, Gewalt, Widerstand, Vertreibung und Exil.
Anfang März 2021 drangen Soldaten der Tatmadaw, des Militärs von Myanmar/Burma, auf den Campus der University of Yangon ein, während Universitätsmitarbeitende, Lehrende und Studierende friedlich gegen den Militärputsch im Februar desselben Jahres protestierten. Die Soldaten stürmten den Campus, schossen auf die Protestierenden und nahmen Dutzende von ihnen fest. Bis Mitte März 2021 wurden Hunderte Universitätsmitglieder und Studierende im Insein-Gefängnis in Yangon unter sehr schlechten Bedingungen inhaftiert; und nach § 505(a) des nationalen Strafgesetzbuches wegen „versuchten Hochverrats“ angeklagt. Darunter auch zwei der AutorInnen dieses Beitrags.
Ausgehend von der University of Yangoon in Myanmar/Burma befasst sich dieser Artikel mit der Situation von Universitäten, die im Widerstand gegen militärische Gewalt stehen und mit autoritärer Besetzung, Repression und physischer Gewalt konfrontiert sind. Im Zentrum der Diskussion stehen darüber hinaus staatsautonome Bildungsinfrastrukturen, die unter diesen Bedingungen entstehen. Wie organisiert sich eine Universität, wenn viele ihrer Mitglieder in Opposition zum Staat stehen und wegen ihres Einsatzes für Wissenschaftsfreiheit und akademische Autonomie fliehen müssen? Diese Frage bildet die Grundlage des Artikels, der einen Beitrag zur Literatur über (Hochschul-)Bildung unter den Bedingungen von Krieg, Gewalt, Widerstand, Vertreibung und Exil leistet (Proserpio 2024, Salha et al. 2024, Forced Migration Review 2019, Axyonova et al. 2022).
Die University of Yangon ist aus mehreren Gründen Ausgangspunkt dieses Artikels. Die älteste und bekannteste Universität in Myanmar/Burma gilt seit ihrer Gründung als ein zentraler Ort des Widerstands. Ausgehend von studentischem Aktivismus begannen hier Proteste, die sich oftmals landesweit ausbreiteten. Zudem sind zwei der Verfassenden des Artikels ehemalige Mitglieder der Universität und Teil der aktuellen Protestbewegung – eine Studentin, Mitglied der „All Burma Federation of Student Unions“ sowie der „University of Yangon Students Union“ und ein Professor, der an der Universität selbst gelehrt hat und nun den Interimskonzil der University of Yangon aus dem Exil leitet. Darüber hinaus gehörte die Universität zu den ersten Hochschulen, die nach dem Militärputsch 2021 erneut gestürmt, besetzt und gezielt vom Militär ins Visier genommen wurde.
Gleichzeitig sind auch zahlreiche andere Universitäten und Bildungseinrichtungen im ganzen Land mit ähnlichen Situationen der Militarisierung konfrontiert. Dies hängt unter anderem damit zusammen, dass seit dem Putsch 2021 große Teile des Bildungssektors, und darüber hinaus, Teil einer landesweiten Protestbewegung wurden. Das sogenannte Civil Disobedience Movement (CDM) organisiert Widerstand gegen das Militärregime in vielfältigen Formen (Moraro 2019). Die Menschen vor Ort weigern sich, den regulären Universitäts- und Schulbetrieb unter militärischer Kontrolle fortzuführen und beteiligen sich an landesweiten Streiks (Proserpio 2024). Prüfungen und administrative Aufgaben werden boykottiert, um die institutionelle Kontrolle des Militärs zu untergraben. Die Verweigerung regulärer Arbeitspraxis oder auch das bewusste Fernbleiben vom öffentlichen Raum gehören zu diesen Protestpraktiken. Online-Unterricht, virtuelle Treffen und digitale Netzwerke ermöglichen es, Bildungsarbeit trotz militärischer Okkupation und Einflussnahme im Untergrund fortzuführen und gleichzeitig Protestbewegungen zu koordinieren.
Der Beitrag ist wie folgt aufgebaut: zunächst skizzieren wir, inwiefern die University of Yangon seit ihrer Gründung von studentischem Aktivismus und politischem Widerstand geprägt ist. Anschließend analysieren wir die Dynamiken während und nach dem Militärputsch von 2021 in Myanmar/Burma. Darauf aufbauend diskutieren wir unterschiedliche Formen des Widerstands, die damit verbundenen Herausforderungen vorläufiger Bildungsinfrastrukturen sowie die Entstehung einer Universität im Exil. Abschließend ziehen wir einen kurzen internationalen Vergleich zu ähnlichen Situationen.
Widerstand und Repression an der University of Yangon
Die 1920 unter britischer Kolonialherrschaft gegründete University of Yangon (von 1920 bis 1964 Rangoon University) erlebte seit ihrer Entstehung, insbesondere in den 1930er und 1940er Jahren, einen Aufstieg von studentischen Vereinigungen und antikolonialem Aktivismus (Seekins 2005: 142, Taylor 2009: 87). Nach der Unabhängigkeit Burmas im Jahr 1948 sah sich die Universität wiederholt Bedrohungen durch autoritäre Militärregime ausgesetzt. Besonders einschneidend war der Militärputsch von 1962, der die politische Dominanz des Militärs festigte und schwere Repressionen gegenüber der Zivilbevölkerung nach sich zog. Am 7. Juli 1962 protestierten viele Studierende kurz nach dem Putsch gegen die Bildungspolitik (Khine 2024). Daraufhin eröffnete die Armee das Feuer gegen sie und sprengte das Gebäude der Studentenvereinigung der Universität Rangun – ein Ereignis, das heute als „July 7 Bloody Day“ bekannt ist und an dem viele Studierende starben. Dieser Tag markiert den Beginn einer langen Phase der Unterdrückung: Studentenvereinigungen wurden verboten, akademische Mitarbeitende überwacht und die Universität nach Protesten häufig über längere Zeit vom Militär komplett geschlossen (Matelski 2023, Seekins 2005). In den 1970er- und 1980er-Jahren stand die Universität weitgehend unter militärischer Aufsicht. Studentenbewegungen setzten sich jedoch im Untergrund innerhalb des Landes fort, teilweise auch schon im Exil außerhalb des Landes (Lall 2016).
1988 rückte die Universität erneut ins Zentrum von Protesten, Widerstand und staatlicher Gewalt (Smith 1991: 212). Der „8888 Uprising“, der durch Studierendenproteste gegen wirtschaftliche Not und die Diktatur ausgelöst wurde, breitete sich landesweit aus und mündete in einer breiten Prodemokratiebewegung im ganzen Land. Doch viele Studierende mussten dafür erneut einen sehr hohen Preis bezahlen: Hunderte wurden getötet, inhaftiert oder verschwanden (Egreteau & Renaud 2021). Aufeinanderfolgende Militärregime verfolgten gezielte Strategien, um die University of Yangon institutionell zu fragmentieren, Studierende räumlich zu zerstreuen und den dort regelmäßig entstehenden intellektuellen Widerstand zu schwächen. Die Campi wurden dezentralisiert, Studentenvereinigungen verboten und die politische Überwachung noch weiter verschärft (Shah & Cardozo 2018).
In einer sanften demokratischen Reformphase in Myanmar/Burma, zwischen 2011 und 2020, öffnete sich auch die University of Yangon gegenüber demokratischen Elementen. Die Gründung autonomer studentischen Vereinigungen wurde erlaubt (Ohn Mar Zin 2024). Freies Denken und offene Diskussion in Seminaren wurden ohne militärische und administrative Überwachung möglich. Internationale Kooperationen mit anderen Universitäten wurden zunehmend aufgenommen. Doch auch diese Phase der demokratischen Öffnung und universitären Autonomie endete mit einem Militärputsch im Februar 2021. Tausende Studierende und Lehrende weigerten sich, das Militärregime an der Universität zu akzeptieren und schlossen sich den landesweiten Protesten an. Erneut übernahm das Militär die Kontrolle über die Universität.
Universitäten, Bildung und Widerstand nach dem Militärputsch 2021
Nicht nur die University of Yangon, sondern viele andere Universitäten im Land wurden militarisiert, auch weil sich viele ihre Mitglieder der Protestbewegung, der Civil Disobedience Movement (CDM), anschlossen. Drei Monate nach dem Putsch kündigte das Militärregime die Wiedereröffnung der Universitäten an (Khaing Phyu Htut et al. 2022). Für das akademische Jahr 2023/24 wurden jedoch nur ca. 25.000 Studierende eingeschrieben (RFA 2024). Dies ist ein erheblicher Rückgang gegenüber 260.000 Immatrikulierten für das akademische Jahr 2019/20 (RFA 2024). Darüber hinaus sank die Zahl der Studierenden an öffentlichen Universitäten im ganzen Land von 1.040.000 vor dem Putsch auf 310.00 im Jahr 2023 nach dem Putsch (Spring University Myanmar 2023). Der starke Rückgang spiegelt aus unserer Sicht den weit verbreiteten Boykott der von der Militärregierung kontrollierten Universitäten wider.
Doch diese Zahlen sind auch im Kontext des sich landesweit ausbreitenden Bürgerkrieges zu interpretieren, der nach dem Militärputsch 2021 folgte. Viele junge Menschen beteiligen sich aktiv am bewaffneten Widerstand. Sie schließen sich bewaffneten Organisationen an, wie den EAOs (Ethnic Armed Groups, ein Überbegriff für bewaffnete Organisationen, die häufig nach ethnischen Gruppierungen organsiert sind und häufig schon seit 1946 existieren) oder den PDFs (People Defence Forces, lokal bewaffnete Widerstandsgruppen, die nach dem Putsch 2021 gegründet wurden). Andere wiederum wurden vom Militär zwangsrekrutiert. Viele verlassen auch aus Angst das Land oder werden aufgrund des Krieges vertrieben. Darüber hinaus müssen viele junge Menschen Verantwortung in ihren Familien und Gemeinden übernehmen und sich angesichts des wirtschaftlichen Zusammenbruchs Arbeit suchen. Der Rückgang der Einschreibungen steht somit nicht nur für eine kollektive Weigerung, sich an einem militarisierten Bildungssystem zu beteiligen, sondern auch für eine umfassendere Neuorientierung von Studierenden unter den Bedingungen von Gewalt, Krieg und Vertreibung. Umso erstaunlicher ist es, dass sich unter diesen extrem prekären Bedingungen vielfältige alternative Formate jenseits der staatlichen Bildungsinfrastrukturen entwickeln.
Autonome und alternative Bildungsinfrastrukturen im Kontext von Gewalt und Krieg
In diesem Zusammenhang wollen wir betonen, dass staatsautonome Bildungsformate in Myanmar/Burma eine Tradition haben, die bis in die 1950er Jahre zurück reicht. Bildung als Ausdruck von Widerstand ist in Myanmar/Burma eng mit dem seit 1948 bestehendem längsten Bürgerkrieg der Welt verbunden (South & Lall 2016). Verschiedene Bildungsinstitutionen, die häufig entlang ethnisch konstruierter Gruppen organisiert sind, existieren insbesondere in den Grenzregionen (Oh et al. 2019). Dazu zählen formalisierte Strukturen wie beispielsweise das Karen Education Department, das seit Jahrzehnten auch in Kriegsgebieten zerstörte Schulen immer wieder aufbaut oder transnationale Bildungszentren in Thailand und Bangladesh. Zudem existieren auch weniger formalisierte Institutionen im Untergrund, wie die sogenannten „Dschungel-“ oder „Freiheitsschulen“ (Hla 2024, Kyaw 2024).
Während Lernen und Lehren in Myanmar/Burma seit Jahrzehnten als Akte des Widerstands zu verstehen sind, stellen die Initiativen im Nachgang des Militärputsches von 2021 eine Ausweitung sowohl des Umfangs als auch der strategischen Ausrichtung dieser Bemühungen dar. Tausende Dozierende, Lehrende und Studierende in Burma/Myanmar wurden aus den Großstädten vertrieben. Viele von ihnen flohen über die internationalen Grenzen nach Thailand und in andere Länder der Grenzregionen (Hardman 2025). Lehrende sowie Studierende im Exil haben gemeinsam mit jenen, die weiterhin im Land leben – häufig im Untergrund oder in sogenannten „befreiten Gebieten“ – akademische Netzwerke aufgebaut. In diesem Kontext sind vielfältige informelle aber auch formale Bildungsinfrastrukturen entstanden (Kyaw 2025).
Zu Ersterem gehören zahlreiche lokale Gemeinschaftsinitiativen in Konfliktregionen mit kleinräumigen Nachhilfeunterrichtformaten, mobilen Klassenzimmern und temporären Lernräumen (Salem Gerveis et al. 2024). Dozierende organisieren aus Eigeninitiative über Zoom oder Signal Lehrveranstaltungen bspw. zu politischer Theorie sowie Module der politischen Bildung. Der Unterricht findet dabei vielfach im Untergrund, aus sogenannten „safe houses“, oder aus dem Exil statt. Studierende nehmen aus bewaffneten Konfliktgebieten, aus Flüchtlingslagern, während der Flucht oder im Exil teil.
Parallel dazu sind stärker formalisierte Bildungsinfrastrukturen entstanden. Trotz des Militärputsches 2021 agiert die gewählte Regierung, die aus den Wahlen in Myanmar im Jahr 2020 hervorgegangen ist, weiterhin als „Regierung im Exil“. Es existieren verschiedene Bildungsprogramme des Bildungsministeriums der National Unity Government. Doch auch Gruppen von Lehrenden unterschiedlicher Universitäten gründeten Interim-Universitätsräte, wie der „Interim Council der University of Yangon“, um eine grundlegende akademische Koordination aufrechtzuerhalten sowie Perspektiven für einen Universitätsbetrieb außerhalb militärischer Kontrolle zu entwickeln. Andere Initiativen sind das Myaung Education Network, die Irrawaddy Law School sowie die Burma Academy und die Spring University Myanmar.
Ein weiteres Beispiel ist die Virtual Federal University, eine gemeinnützige Online-Hochschule, die von der Studierendenvertretung der University of Yangon gemeinsam mit Professoren und anderen Mitarbeitenden auch in Zusammenarbeit mit anderen Universitäten gegründet wurde. Im Rahmen dieser virtuellen Universität werden verschiedene Programme aufgebaut, darunter auch Studienabschlussprogramme, die Studierenden den Erwerb international anerkannter Qualifikationen ermöglicht. Nichtregierungsorganisationen (NGOs), zivilgesellschaftliche Organisationen (CBOs) und Diaspora-Gruppen unterstützen finanziell und organisatorisch, ebenso wie internationale Partner – darunter die Lund University in Schweden, die Chiang Mai University in Thailand sowie verschiedene burmesische und internationale Forschende.
Diese formellen und informellen Bildungsinfrastrukturen stehen jedoch vor erheblichen Herausforderungen. Ein zentrales Problem betrifft die Anerkennung von Abschlüssen. Zwar stellen die Exilregierung und Initiativen wie die Virtual Federal University Abschlusszertifikate aus, doch werden diese von anderen Universitäten und formalen akademischen Einrichtungen nicht automatisch anerkannt. Dadurch befinden sich viele Studierende in einem sogenannten „Anerkennungsvakuum“ (Wyne 2025). Hinzu kommt die Fragilität der digitalen Infrastrukturen, auf denen diese Bildungsangebote maßgeblich beruhen. Viele Studierende leben in ländlichen Regionen oder in Hochburgen des Widerstands, wo Internetsperren, Überwachung und eine instabile Stromversorgung zum Alltag gehören. Um dennoch am Unterricht teilzunehmen, nutzen sie USB-Sticks, die über informelle Netzwerke zirkulieren oder laden Vorlesungen herunter, sobald temporärer Zugang zu WLAN besteht. Lehrveranstaltungen finden zudem häufig heimlich und spät in der Nacht statt. Die Studierenden nehmen aus dem Verborgenen teil, mit ausgeschalteten Kameras und stummgeschalteten Mikrofonen, um ihre Identität vor möglichen Repressalien zu schützen.
Jene, die in Nachbarländer fliehen, leben oftmals ohne gesicherten rechtlichen Status (Human Rights Watch 2025). Darüber hinaus untersagte die Militärregierung im September 2024 exilierten Studierenden und Lehrenden die Verlängerung ihrer Pässe in Auslandsvertretungen und zwang sie so dafür nach Myanmar/Burma zurückzukehren (RFA 2024). Viele Studierende und Universitätsmitarbeitende, die sich an den zivilen Protesten beteiligt haben, stehen jedoch auf sogenannten „roten Listen“. Dies hat häufig die Verweigerung von Passverlängerungen, Reisebeschränkungen, den Ausschluss von weiterer akademischer oder beruflicher Ausbildung und Verhaftung bei Einreise zur Folge (University Council 2025).
All diese Herausforderungen werden durch emotionale Erschöpfung sowie die Bedingungen der Gesamtkriegssituation weiter verschärft – insbesondere für Studentinnen und Universitätsmitarbeiterinnen, die häufig zusätzlich Sorge- und Haushaltsarbeit leisten müssen (Kyaw 2025). Anhaltende finanzielle und existenzielle Unsicherheiten erschweren es vielen Lehrenden und Lernenden zusätzlich, ihre akademischen Wege fortzusetzen. Infolge dieser vielfältigen Belastungen ist es einer beträchtlichen Zahl von Lehrenden und Studierenden nicht möglich, ihre Teilnahme an diesen besonderen Bildungsinfrastrukturen dauerhaft aufrechtzuerhalten.
Universitäten im Exil im globalen Vergleich
Die in diesem Beitrag beschriebenen Entwicklungen verdeutlichen, wie Studierende und Lehrende in Myanmar/Burma Hochschulbildung unter Bedingungen von Gewalt, Krieg und Vertreibung neu organisieren. Das Entstehen informeller und formaler staatsautonomer Bildungsstrukturen ist einerseits Ausdruck von Widerstand und verweist andererseits auf die aktive Reproduktion akademischen Lebens jenseits staatlicher Kontrolle. Hochschulbildung erscheint hier weniger als institutionell fixierte Ordnung, sondern vielmehr als fragile, relationale Praxis, die sich in Netzwerken, formalen und weniger formalen Organisationsformen sowie transnationalen Verbindungen fortsetzt. Zugleich sind diese Initiativen durch Ressourcenknappheit, Sicherheitsrisiken und die strukturelle Unsicherheit der Beteiligten im Untergrund und im Exil gekennzeichnet.
Der Fall Myanmar/Burma und der University of Yangon ist jedoch kein Einzelfall, sondern ein paradigmatisches Beispiel für das Entstehen von staatlich autonomen Bildungsinfrastrukturen unter den Bedingungen von Staatsgewalt. Ein historischer Referenzpunkt ist die 1933 gegründete University in Exile an der New School for Social Research, die den in Nazideutschland verfolgten europäischen Forschenden eine Bildungsinfrastruktur bot. Vergleichbare Konstellationen zeigen sich jedoch auch in der Gegenwart. Beispiele für die Reorganisation akademischer Lehre und Forschung sind die Gründung der Universität Kabul im Exil nach der Machtübernahme der Taliban, der Universität Aleppo im Exil im Kontext des syrischen Bürgerkriegs sowie die Verlagerung ukrainischer Hochschulaktivitäten in transnationale, digitale und hybride Formate.
Trotz erheblicher Unterschiede in Bezug auf den politischen Kontext, die institutionelle Einbettung und das Ausmaß internationaler Unterstützung, auch von anderen Universitäten, verweisen diese Beispiele auf ein gemeinsames Muster: Unter Bedingungen von Krieg, autoritärer Herrschaft und systematischer Repression wird das akademische Leben aktiv reorganisiert. Es verlagert sich von staatlichen Infrastrukturen hin zu staatsautonomen infrastrukturellen Vernetzungen. In diesem Sinne sind Hochschulen im Exil weniger feste Institutionen, sondern müssen vielmehr flexible Arrangements sein, um Wissenschaftsfreiheit im Kontext politischer Gewalt und territorialer Fragmentierung zu ermöglichen.
Zitiervorschlag:
Bochmann, Annett; Wyne; Yan Lin, Wai. Universität im Exil: Staatsautonome Reorganisation von Bildungsinfrastrukturen unter Bedingungen von Gewalt, Krieg und Vertreibung in Myanmar/Burma. FluchtforschungsBlog, 18. Februar 2026, https://fluchtforschung.net/universitaet-im-exil-staatsautonome-reorganisation-von-bildungsinfrastrukturen-unter-bedingungen-von-gewalt-krieg-und-vertreibung-in-myanmar-burma/, DOI: 10.59350/j21yx-5bg97.