Bestandsaufnahme aktueller Herausforderungen und Potenziale der zeithistorischen Migrationsforschung

Welchen Beitrag kann die zeithistorische Migrationsforschung zu den wissenschaftlichen Debatten über Migration leisten? Mit dieser Frage haben sich sieben Promovierende des Workshops „Flucht, Asyl und politische Migrationen nach Deutschland und Österreich von den 1970er bis in die 1990er Jahre“ auseinandergesetzt, der im September 2025 in Wien stattfand.

 

Inhaltlich setzten die Beiträge des Workshops ganz verschiedene migrationsgeschichtliche Forschungsschwerpunkte (wie etwa die Entstehung der Sozialarbeit mit Geflüchteten, migrantische Selbstorganisation, Antislawismus, die Neuverhandlung translokaler Grenzregime, Geschlecht, Transitmigration) und nahmen zudem unterschiedliche Migrationsbewegungen (aus Polen, der Tschechoslowakei, Jugoslawien, der Türkei und Südostasien) in den Blick. Anstatt einen Konferenzbericht zu verfassen, haben wir uns als Teilnehmende dazu entschieden, unsere Gedanken zum Stand der zeithistorischen Migrationsforschung in den nachfolgenden fünf Punkten zur Diskussion zu stellen.

 

Historisierung normativer Kategorien

Es besteht weitgehender Konsens darüber, dass normative Kategorien, die zur Beschreibung, Steuerung und Verwaltung von Migration entwickelt wurden, nicht unreflektiert als Analysekategorien in die wissenschaftliche Forschung übernommen werden dürfen. Begriffe wie „Asylbewerber“ oder „Flüchtling“ sind nicht nur rechtlich, sondern auch politisch aufgeladene Bezeichnungen und transportieren bestimmte Vorstellungen von Legitimität, Bedürftigkeit oder Zugehörigkeit. Zudem verstellen solche Begriffe den Blick auf die Vielschichtigkeit und Wandelbarkeit migrantischer Beweggründe und Lebensrealitäten. Um diesem Problem zu entgehen, verzichten manche Forschende ganz auf die Verwendung staatlich definierter Kategorien zugunsten umschreibender Verallgemeinerungen (z. B. „Geflüchtete“). Diese Herangehensweise ignoriert jedoch, dass gerade behördlich definierte Kategorien entscheidend prägen, wie Menschen sich bewegen können und welche Rechte sie haben. Normative Kategorien in der eigenen Forschung zu vermeiden, führt zu Ungenauigkeiten in der Analyse.

Daher sehen wir es als eine zentrale Aufgabe der zeithistorischen Migrationsforschung, die Prämisse der reflexiven Migrationsforschung zu übernehmen. Die reflexive Migrationsforschung plädiert dafür, die Wirkmacht normativer Kategorien kritisch zu reflektieren, ohne ihre gesellschaftliche Relevanz zu negieren. Ein konkretes Beispiel für diesen Ansatz stellt der digitale Inventar der Migrationsbegriffe dar, in dem Begriffe der deutschen Migrationsdebatten von Forschenden nachvollziehbar erklärt und historisch eingeordnet werden. Die Stärke der historisch arbeitenden Migrationsforschung liegt gerade darin, die komplexen Wirklichkeiten untersuchen zu können, welche die jeweiligen normativen Kategorien überhaupt hervorgebracht haben. Zudem schärft eine konsequente Historisierung den Blick für die Vielschichtigkeit und Wandelbarkeit der Lebensrealitäten und Beweggründe von Migrant:innen, welche Historiker:innen jenseits normativer Kategorien auffinden können. Der Anspruch zukünftiger Analysen sollte deshalb darin bestehen, gesellschaftliche Zuschreibungen, Prozesse und deren Auswirkungen als solche historisch sichtbar zu machen. Damit wird erkennbar, dass Kategorien wie „Flüchtlinge“, „Asylsuchende“ oder „Kontingentflüchtlinge“ nicht nur zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Bedeutungen hatten, sondern – im Sinne der Intersektionalität – zum Beispiel auch mit Herkunft, Race, Geschlecht oder Klasse unterschiedlich zusammenwirken. Das wird etwa deutlich, wenn besonders weiblich gelesene Personen mit moralischen Erwartungen an „Schutzbedürftigkeit“ konfrontiert oder wenn bestimmte Gruppen als ökonomisch „nützlich“ gerahmt werden.

 

Translokale Perspektiven

Asylpraxis findet nicht auf Regierungsebene statt, sondern in lokalen Räumen. Hier werden Asylsuchende untergebracht und versorgt, gestalten sie einen neuen Alltag und treffen auf Verwaltung und Bevölkerung. Im Lokalen entstehen Aushandlungen, Konflikte und Praktiken, die in übergeordneten Diskursen oft unsichtbar bleiben. 2016 plädierte Maria Alexopoulou im Hinblick auf das nach wie vor fragile bundesrepublikanische „Selbstverständnis als moderne Einwanderungsgesellschaft“ für eine historiographische „(Neu-)Bewertung des Faktors Migration“ und insbesondere für eine Stärkung translokaler Untersuchungsansätze. Erst fundierte Lokalstudien könnten die Beziehungen zwischen Gesetz, politischem Diskurs und praktischer Umsetzung sichtbar machen. Arbeiten, welche die lokale Perspektive ernst nehmen und entsprechende Quellen aufarbeiten, wurden in den letzten Jahren etwa von Klaus Neumann und Maria Alexopoulou vorgelegt. Beide vereint das Ziel, bundesrepublikanische Geschichte anhand kommunaler Perspektiven zu schreiben. Lokalstudien brauchen jedoch unserer Überzeugung nach nicht zwangsläufig nationalgeschichtliche Erkenntnisziele. Sie sind in sich selbst gewinnbringend für die zeithistorische Migrationsforschung, nicht nur indem sie erlauben, staatliches Handeln differenzierter zu betrachten, sondern auch indem sie den Blick auf Akteur:innen wie Migrant:innen erweitern, die meist erst dadurch als translokal handelnde Akteur:innen historiographisch greifbar werden. Ebenso treten beispielsweise auch Lager, Unterkünfte oder Stadtviertel erst auf einer lokalen Ebene als eigenständige Akteurskonstellationen hervor. Wir appellieren, lokale Räume also gerade deshalb in den Blick zu nehmen, weil sie helfen, neue Perspektiven zu erschließen.

 

Migration und Demokratiegeschichte

Als eine auffällige Leerstelle in Bezug auf die zeithistorische Migrationsforschung sehen wir die bislang kaum vorhandene Reflexion über das Verhältnis von Demokratie und Migration. Demokratie aus migrationsgeschichtlicher Perspektive zu untersuchen, könnte beispielsweise darin bestehen, Entwicklungen, wie die Migrationsabwehrpolitik oder fremdenfeindliche gesellschaftliche Einstellungen, als Bestandteile demokratischer Staatsformen zu verstehen, die in Kontinuitäten rassistischer Wissensordnungen und Praktiken stehen. Dies bedeutet auch, Formen individueller und staatlicher Gewalt und jene Prozesse rassistisch-bedingter Ausgrenzungen sichtbar zu machen, die migrierende Personen und ihre Nachkommen erleb(t)en. Im Hinblick auf die Frage gesellschaftlicher Teilhabe bedarf es wiederum demokratietheoretisch gestützter Untersuchungen und Beschreibungen migrantischer Partizipationsformen, -strategien und -möglichkeiten, welche Partizipation über Staatsbürgerschaft, Wahlen und Parteienengagement hinaus verstehen und historisieren: soziale Bewegungen, migrantische Selbstorganisationen, Ausländer:innenbeiräte und Flüchtlingsräte, Kirchenasylnetzwerke sowie kommunale Bündnisse, die alternative Vorstellungen von Solidarität und Bürger:innenschaft entwickeln, bieten sich als Untersuchungsgegenstand an. Sie verhandeln, wer überhaupt als Teil einer politischen Gemeinschaft anerkannt wird und welche Rolle Nicht-Staatsbürger:innen in demokratischen Aushandlungsprozessen spielen. Gerade translokale Untersuchungsansätze scheinen uns besonders anschlussfähig an neuere demokratiegeschichtliche Forschungspositionen zu sein, welche eine Perspektive „von unten“ ernst nehmen.

 

Quellen jenseits staatlicher Überlieferung

Die Geschichtswissenschaft neigt dazu, die Perspektiven von Regierungen, Behörden, Parteien, etablierten NGOs und Medien überzubetonen, da sie einen Großteil der leicht zugänglichen Archivquellen ausmachen. Stimmen von Migrierenden selbst, aber auch der Zivilgesellschaft in den jeweiligen Einwanderungsgesellschaften erscheinen im Gegensatz dazu häufig nur am Rande, gewissermaßen als „Beifang“. Das gilt insbesondere für die Stimmen jener Personen, die über weniger kulturelles und soziales Kapital verfügen. Je unsicherer die Lebensumstände der Akteur:innen, desto prekärer ist in der Regel auch die Quellenlage.

Eine ausschließliche Konzentration auf administrative Quellen reicht jedoch nicht aus. Quellen jenseits der staatlichen Überlieferung müssen aktiv gesucht, erschlossen und archiviert werden: Hilfsorganisationen, migrantische Selbstorganisationen und Kirchengemeinden – um nur einige Akteure zu nennen – müssen gezielt kontaktiert werden, um die Breite gesellschaftlicher Debatten und Realitäten abbilden zu können. Es ist die dezidierte Aufgabe der zeitgeschichtlichen Migrationsforschung, neue Quellenbestände zu erschließen und zu produzieren: Oral-History-Interviews mit migrierten Personen sind nicht nur erfahrungsgeschichtliche Quellen, sondern können ebenso kritische Perspektiven auf Schriftquellen eröffnen und darüber hinaus genutzt werden, um wichtige materielle Quellenbestände überhaupt erst zu identifizieren.

Grundsätzlich steht die zeithistorische Migrationsforschung vor der Herausforderung, die Prekarität der Überlieferung selbst als Teil der Analyse zu reflektieren, staatliche Quellen „gegen den Strich“ zu lesen und fragmentarische Spuren produktiv zu machen: Durch welche Quellen können beispielsweise abgeschobene und nicht mehr erreichbare Personen dennoch sichtbar werden? Wie können mehrsprachige Quellenbestände zu einem integrativen Bestandteil nationaler Geschichtskulturen/-schreibungen werden? Und wie können zivilgesellschaftliches Handeln und Wissen archiviert und bewahrt werden, insbesondere in Anbetracht des spezifischen Charakters zivilgesellschaftlicher Strukturen (Projektcharakter, Kurzlebigkeit, Netzwerkhaftigkeit)?

 

Prekäre Institutionalisierung der zeithistorischen Migrationsforschung

Im Hinblick auf die oben formulierte Notwendigkeit, verstärkt nach Quellenbeständen nicht-staatlicher Archive zu suchen, ist es uns noch ein Anliegen, anzumerken, dass insbesondere die prekären Arbeits- und Forschungsbedingungen von Promotionsprojekten dieses Vorhaben erschweren. Die zeitliche begrenzte Promotionsförderung auf drei bis vier Jahre (egal, ob Stelle oder Stipendium) steht in Widerspruch zum zusätzlichen Arbeits- und Zeitaufwand, den die – aus unserer Sicht dringend notwendige – Hebung nicht-staatlich dokumentierter Quellen oder die Durchführung von Oral-History-Projekten mit sich bringt. Wer Empirie ernst nimmt, braucht Zeit und Geld!

Nicht zuletzt deshalb möchten wir für eine stärkere Institutionalisierung zeithistorischer Migrationsforschung plädieren: Im großen Forschungsfeld der Migrations- und Fluchtforschung wirken historische Arbeiten oft wie ein Nebenschauplatz, der ohne starke institutionelle Verankerung in Form eigener Lehrstühle oder Forschungszentren auskommt. Unter der kaum mehr zu überschauenden Zahl migrationswissenschaftlicher Journals gibt es wenige, die der dezidiert historiographischen Auseinandersetzung mit dem Gegenstand gewidmet sind. Für uns als Migrationshistoriker:innen, die sich in oder kurz nach der Qualifizierungsphase der Doktorarbeit befinden, sind damit auch Fragen der Professionalisierung (Betreuungsverhältnisse, Publikationsmöglichkeiten, Postdoc-Anstellungsmöglichkeiten) verbunden.

 

Schlussbetrachtung

Wir sehen einige zentrale Aufgaben und Herausforderungen der zeithistorischen Migrationsforschung darin, (1) eine (intersektionale) Historisierung normativer Kategorien, (2) eine Intensivierung translokaler Untersuchungsansätze, (3) eine Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Demokratie und Migration und (4) eine notwendige Erschließung von nicht-staatlichen Quellenbeständen anzustreben. Aus diesen Punkten ergibt sich die Bedeutung historischer Perspektiven für die Migrationsforschung, weshalb (5) eine stärkere Institutionalisierung unabdingbar ist. In Auseinandersetzung mit den genannten Herausforderungen besteht das Potenzial der zeithistorischen Migrationsforschung darin, dass sie mit ihrer Langzeitperspektive einerseits zur Reflexion von normativen Kategorien beiträgt und andererseits die Abbildung einer Vielheit migrationsgeschichtlicher Wirklichkeiten und Dissonanzen ermöglicht.

 

 

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