Geflüchtete Menschen sind in ihrer Ankommenssituation im Aufnahmeland Belastungen ausgesetzt, die das Risiko für riskante und abhängige Konsumformen von psychoaktiven Substanzen erhöhen können. Im Forschungs- und Entwicklungsprojekt PraeWi an der Hochschule Esslingen wurden suchtpräventive Maßnahmen für Gemeinschaftsunterkünfte gemeinsam mit geflüchteten Menschen entwickelt. Drei Mitwirkende berichten von ihren Erfahrungen, gewonnenen Kompetenzen und auch von den Grenzen partizipativer Praxis. Der Beitrag plädiert dafür, geflüchtete Menschen strategisch von Beginn an als Mitwirkende und Co-Forschende einzubinden.
Geflüchtete Menschen erleben vor, während und nach ihrer Flucht eine Vielzahl belastender Ereignisse. Im Ankunftsland kommen soziale, psychische und sozio-kulturelle Risikofaktoren für erhöhten Substanzkonsum wie das Warten auf den Asylbescheid, prekäre Wohnverhältnisse in Gemeinschaftsunterkünften, sprachliche Barrieren, eine durch Exklusion und verwehrte Teilhabe bedingte fehlende Tagesstruktur, Diskriminierungserfahrungen sowie die Unsicherheit über die eigene Zukunft hinzu. Diese Kumulation von Belastungen erhöht die Wahrscheinlichkeit für riskante und abhängige Formen des Substanzkonsums.
Trotz dieses erhöhten Risikos sind geflüchtete Menschen für das Suchthilfesystem in Deutschland schwer erreichbar. Die Gründe dafür sind vielschichtig und reichen von Sprachbarrieren und einer fehlenden interkulturellen Öffnung der Regelversorgung bis hin zu einer Stigmatisierung des Themas Sucht innerhalb der Communities sowie strukturellen Hürden im Zugang zu Versorgungsangeboten. Das Setting der Gemeinschaftsunterkunft als zentraler Lebensort vieler geflüchteter Menschen bietet daher einen besonders relevanten Anknüpfungspunkt für suchtpräventive Maßnahmen. Bislang existieren jedoch kaum evidenzbasierte und zielgruppenspezifische Konzepte für dieses Setting.
Hier setzt das Forschungs- und Entwicklungsprojekt PraeWi (Präventionsmaßnahmen und Wissenstransfer innerhalb der Sozialen Arbeit bezüglich riskanten Substanzkonsums für Menschen mit Fluchterfahrungen in Übergangswohnheimen) an. Konzeptionell folgt es dem mit der Ottawa-Charta der Weltgesundheitsorganisationetablierten Setting-Ansatz, der die Stärkung gesundheitsförderlicher Lebenswelten in den Mittelpunkt rückt. Suchtprävention wird dabei nicht als von außen aufgesetzte Intervention verstanden, sondern als gemeinsamer Prozess, in dem die Adressat*innen selbst zu aktiv Handelnden werden. Methodisch orientiert sich PraeWi an der partizipativen Gesundheitsforschung, die Machtasymmetrien zwischen Forschenden und Beforschten gezielt durchbrechen will und sozial benachteiligte Gruppen als Expert*innen ihrer eigenen Lebenswelt anerkennt.
Das Projekt PraeWi
PraeWi wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert. Das Ziel des Projekts war es, gemeinsam mit geflüchteten Menschen suchtpräventive Angebote für das Setting der Gemeinschaftsunterkunft zu entwickeln, für die Praxis nutzbar zu machen und modellhaft zu erproben. Das interdisziplinäre Team entwickelte und erprobte gemeinsam mit geflüchteten Menschen, Fachkräften und Ehrenamtlichen mehrsprachige Informationsvideos und einen Podcast rund um das Thema „Flucht – Trauma – Sucht“ sowie Materialien für die Fachkräfte wie einen Handlungsleitfaden in Akutsituationen und ein e-Learning Programm. Gemeinsam mit den Geflüchteten verbreitete das Team die Projektergebnisse über Fachveranstaltungen, Netzwerke der Suchthilfe und frei zugängliche Online-Kanäle bundesweit.
Im Projektverlauf wurden zunächst eine systematische Literaturrecherche und qualitative Interviews mit geflüchteten Menschen sowie Fachkräften durchgeführt, um Bedarfe und Ressourcen zu erheben. Auf dieser Grundlage entstanden Maßnahmen wie animierte Informationsvideos in mehreren Sprachen sowie ein Podcast zu Themen rund um Flucht und Sucht. Der Zugang zur Zielgruppe erfolgte nach dem Gatekeeper-Prinzip und in Zusammenarbeit mit dem Sozialamt Stuttgart wurde über Schlüsselpersonen, wie z.B. Sozialarbeitende, Ehrenamtliche und bereits engagierte geflüchtete Menschen im Sinne eines Peer-Ansatzes der Kontakt aufgebaut. Wer selbst in einer Gemeinschaftsunterkunft lebte oder gelebt hatte und Interesse an einer kontinuierlichen Beteiligung mitbrachte, konnte mitwirken. Methodisch ausführlicher beschrieben ist dieses Vorgehen in einem vorausgehenden Praxisbericht.
Die Mitwirkung der Co-Forschenden wurde durch Gratifikationen in Form von Gutscheinen für Drogeriemärkte sowie durch Urkunden für besondere Leistungen anerkannt. Eine direkte finanzielle Vergütung neben der Übernahme von Fahrtkosten und Verpflegung war nicht möglich, da diese bei der Zielgruppe auf die Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz angerechnet würde. Dies stellt ein strukturelles Hindernis dar, welches für künftige Projekte nach Möglichkeit über ein Beschäftigungsverhältnis im Projekt aufgefangen werden könnte. Da eine intensive Beteiligung der Geflüchteten notwendig war, blieb der Kreis der Co-Forschenden zudem notwendigerweise klein, was eigene Selektionseffekte mit sich bringt und nicht alle Lebenslagen in den Unterkünften gleichermaßen abbildet.
Partizipation wird im Projekt PraeWi als strukturelle Leitlinie verstanden. Geflüchtete Menschen sind nicht nur Adressat*innen, sondern als Co-Forschende über alle Projektphasen hinweg an Entscheidungen beteiligt. In Steuerungskreisen und Beiratstreffen wurde gemeinsam über Ziele und Vorgehen mitentschieden, in Arbeits- und Fokusgruppen wurde die inhaltliche Konzeption von Präventionsmaterialien ausgearbeitet und zum Beispiel gemeinsam Informationsvideos und Podcast-Folgen entwickelt. Im Forschungsprozess wirkten die Co-Forschenden bei der Akzeptanz- und Machbarkeitsstudie der entwickelten Präventionsmaterialien sowie bei der modellhaften Evaluationsstudie mit. Die Co-Forschenden waren von Beginn an bei der Fragebogenerstellung über die Datenerhebung bis zur Diskussion der Ergebnisse im Rahmen von Steuerungskreis- und Beiratstreffen tätig. Einzig bei der Datenanalyse konnten die Co-Forschenden aufgrund fehlender Qualifikationen und sprachlichen Barrieren nicht aktiv mitgestalten. Es geht um ein „mit“ statt ein „für“. Der vorliegende Beitrag setzt diesen partizipativen Anspruch konsequent fort. Er ist gemeinsam mit drei Mitwirkenden verfasst, die nachfolgend selbst zu Wort kommen. Ihre Beiträge wurden, in Rücksprache mit ihnen und mit ihrer Zustimmung zur Veröffentlichung, sprachlich angepasst.
Erfahrungen aus der Mitwirkung und Co-Forschung
Aref Fasihi
Vom Projekt habe ich über Bekannte erfahren. Das Thema Flucht war und ist mir wichtig, deshalb hat es mich interessiert. Mir wurde dann mehr von PraeWi erzählt, und ich war sicher, dass ich mitmachen will.
Am meisten Spaß hat mir wahrscheinlich die Arbeit an den animierten Informationsvideos gemacht – aber eigentlich alles.
Durch die Tonaufnahmen für den Podcast habe ich selbst viel gelernt. Es waren wirklich viele Informationen dabei, die ich vorher nicht wusste. Ich glaube, ich bin auch ein bisschen selbstbewusster geworden. Und offener: Ich rede mit anderen über meine Probleme und nehme Hilfe an. Hilfe annehmen heißt nicht, dass ich schwach bin. Wir sind alle Menschen, Menschen machen Fehler – und Menschen helfen sich gegenseitig.
Die Zusammenarbeit fand ich richtig schön. Nur bin ich mir nicht ganz sicher, ob die Videos von Geflüchteten am Ende viel angeschaut werden.
Melis Şahin
Von PraeWi habe ich durch meine Sozialarbeiterin in der Unterkunft erfahren. Sie sagte mir: „Leute von der Hochschule kommen vorbei und stellen ein Projekt vor – möchtest du dabei sein?“ Ich habe sofort zugesagt, mit einem großen Lächeln im Gesicht.
Teil eines Hochschulprojekts zu sein, war für mich eine sehr wertvolle Erfahrung. Einer meiner ersten Gedanken war, wie schön es ist zu wissen, dass ich auch ohne aktuellen formalen Status anderen nützen und etwas Positives bewirken kann. Damit wollte ich auch ein Beispiel sein für Menschen, die in einer ähnlichen Situation sind wie ich.
Was mich besonders berührt hat: das Hochschul-Team war immer unglaublich freundlich und geduldig zu mir. Trotz der Sprachbarriere haben sie immer auf mich gewartet und mir zugehört. Sie haben mich ständig motiviert: „Du schaffst das, du bist klug, du bist stark.“ Solche Worte von ihnen zu hören, war für mich eine ganz besondere Quelle von Glück.
Das einzige Negative war meine Sprache. Jedes Mal, wenn wir uns getroffen haben, habe ich daran gedacht, dass meine Sprache nicht reicht. Aber im Verlauf des Projekts haben sich meine Sprachkenntnisse deutlich verbessert. Wir haben gemeinsam Vorträge gehalten, an einem großen Gesundheitskongress teilgenommen – und ich habe dort zum ersten Mal in meinem Leben präsentiert. Inhaltlich habe ich viel gelernt: den Unterschied zwischen privilegierten und stärker privilegierten Gruppen, die Stufen und Bedeutung von Partizipation, dass Traumata bei Geflüchteten in unterschiedliche Typen kategorisiert werden können, und dass Sucht weit mehr meint als Alkohol und Drogen.
Eines habe ich während des Projekts beobachtet, das ich rückblickend anders machen würde: Viele Menschen in den Unterkünften brauchten dringend jemanden zum Reden, jemanden, der zuhört oder Orientierung gibt. Wir haben unser Bestes gegeben, aber bei der Intensität des Projekts und der hohen Zahl an Menschen waren wir vielleicht nicht so ausreichend, wie wir es gewollt hätten. Hier könnte mehr getan werden.
Partizipation finde ich grundsätzlich sehr wertvoll. Gleichzeitig sehe ich auch eine Schwierigkeit: Nicht jede Person ist gleich durchsetzungsstark. Für introvertiertere Menschen kann die Aufforderung zur aktiven Teilhabe selbst eine Belastung sein. Trotzdem überwiegt für mich der Gewinn – gleiche Rechte zur Selbstäußerung unabhängig von Status und Position, persönliche Entwicklung und ein Beitrag zu einer einigenden, friedlicheren Gesellschaft.
Tajudeen Sani
Zu PraeWi bin ich über die für mich zuständigen Sozialarbeitenden von der Arbeitsgemeinschaft für die eine Welt e.V. gekommen. Ich war traumatisiert von dem, was zu meiner Flucht geführt hatte, und hoffte, dass ein Engagement das Gewicht dessen, was ich durchlebte, vielleicht etwas leichter machen würde. Den ersten Kontakt mit dem Projektteam habe ich als überwältigend erlebt: Ich wurde mit offenen Armen empfangen, super freundlich – wie eine Familie.
An der Mitarbeit habe ich besonders geschätzt, wie unsere Ideen in jeder Phase des Projekts wirklich ausgetauscht wurden, ohne dass jemand das Gefühl hatte, zurückgelassen zu werden. Es war eine prägende Erfahrung, auch im Hinblick auf meine professionellen ehrenamtlichen Kompetenzen.
Vor PraeWi habe ich mich verloren gefühlt, hilflos und verwirrt – an einem Punkt habe ich sogar daran gedacht, mir das Leben zu nehmen. Durch das Projekt hat sich mein Denken verändert, und auch meine Wahrnehmung des Lebens.
Aus meiner Sicht müsste eine erste Anlaufstelle für Menschen, die in Deutschland ankommen, eine Beratungs- und Aufklärungsstelle nach dem Vorbild von PraeWi sein. Das würde viele Leben retten und das Wohlbefinden vieler geflüchteter Menschen verbessern. Eines muss ich aber kritisch sagen: Solche Projekte sind unzureichend finanziert, und der Anreiz für Geflüchtete, kontinuierlich mitzuwirken, ist zu gering. Das ist ein strukturelles Hindernis, das über das einzelne Projekt hinausgeht.
Was die Erfahrungen sichtbar machen
Die drei Stimmen zeigen, was partizipative Forschung im besten Fall leisten kann: Empowerment, Kompetenzaufbau, soziale Anerkennung, Sprachförderung, Stabilisierung in einer als perspektivlos erlebten Lebensphase. Sie verweisen aber ebenso deutlich auf die Grenzen solcher Ansätze. Sprachbarrieren bleiben eine reale Hürde, auch dort, wo Übersetzung mitgedacht wird. Die emotionale Belastung, die entsteht, wenn Co-Forschende selbst in herausfordernden Lebenssituationen stehen, wird durch ein Projekt nicht aufgehoben. Melis‘ Beobachtung zum Bedarf an Zuhören und Begleitung verweist auf eine Lücke, die ein Forschungsprojekt allein nicht schließen kann. Arefs Zweifel an der tatsächlichen Reichweite der entwickelten Videos ist eine berechtigte methodische Anfrage an Disseminationswege. Und Sanis Hinweis auf strukturelle Unterfinanzierung markiert eine Grenze, die nicht innerhalb eines Projekts gelöst werden kann, sondern wissenschafts- und förderpolitisch zu bearbeiten ist.
Auch im Projektverlauf von PraeWi haben sich Spannungsfelder gezeigt. Insbesondere dort, wo in der gemeinsamen Arbeit mit Co-Forschenden unterschiedliche kulturelle und religiöse Haltungen zu psychischen Erkrankungen und Substanzkonsum aufeinandertrafen und nicht alle Positionen widerspruchsfrei in akzeptanzorientierte Präventionsinhalte überführt werden konnten. Solche Aushandlungsprozesse sind kein Scheitern partizipativer Forschung, sondern Teil ihres Wesens. Sie verlangen jedoch Zeit, Ressourcen und eine kontinuierliche Reflexion der bestehenden Machtasymmetrien zwischen Forschenden, Praxisakteur*innen und Adressat*innen. Diese Asymmetrie betrifft auch das Verhältnis zwischen den Forschenden des Hochschul-Teams und den Co-Forschenden selbst. Ein unterschiedlicher Status, unterschiedliches Vorwissen, sprachliche Barrieren und verschiedene gesellschaftliche Positionen lassen ein Arbeiten „auf Augenhöhe“ zu einem Anspruch werden, der fortlaufend auszuhandeln ist und der die Frage aufwirft, inwieweit sich Co-Forschende auch kritisch gegenüber dem Projekt und anderen Forschenden äußern konnten. Unterschiedliche Qualifikationen im Bereich der Forschungsmethodik führen zudem bei der Datenanalyse zu Herausforderungen und zeigen damit auch eine Grenze partizipativer Zusammenarbeit. Dabei gilt es kritisch zu hinterfragen, ob dadurch nicht erneut Selektionsmechanismen greifen, die bestimmen, wer tatsächlich mitforscht und wer auf vorgelagerte Projektphasen beschränkt bleibt. Eine partizipative Ausgestaltung sollte daher auch die anschließende Auswertung durch Qualifizierung, durch gemeinsam interpretierbare Analyseformate oder durch eine transparente Verständigung darüber, welche Schritte gemeinsam und welche arbeitsteilig erfolgen, mitdenken. Letztlich ist zu berücksichtigen, dass Co-Forschende mitunter sehr persönliche Informationen über Mitbewohnende erfahren, mit denen sie auch nach Projektende weiter zusammenleben. Und so wertvoll ihre Vermittlung zwischen unterschiedlichen Haltungen war, so sehr gilt es zu vermeiden, sie primär in eine Rolle als Mittler*innen zu drängen.
Fazit
Was die Erfahrungen aus PraeWi deutlich machen, ist, dass Partizipation ihre Wirkung weniger durch punktuelle Beteiligung, sondern durch eine strukturelle Verankerung von Beginn an entfalten kann. Die in diesem Beitrag versammelten Stimmen wurden möglich, weil Beteiligung in PraeWi nicht als methodische Zusatzaufgabe, sondern als konzeptionelle Leitlinie gedacht ist. Sofern möglich sollten Co-Forschende für künftige Forschungs- und Entwicklungsprojekte mit geflüchteten Menschen bereits in der Antragsphase nicht nur mitgedacht, sondern aktiv einbezogen, mit eigenen Mittelpositionen versehen sowie über alle Phasen hinweg in Entscheidungen und Forschungsprozessen eingebunden werden.
Was bei Aref, Melis und Sani sichtbar wird, geht über individuelle Lebensgeschichten hinaus. Es zeigt, dass Forschung, die ernsthaft mit den Menschen arbeitet, deren Lebenswelten sie untersucht, nicht nur zielgruppenspezifischere Ergebnisse hervorbringt. Sie verändert auch die Beteiligten selbst, einschließlich der Forschenden auf Hochschulseite. Co-Forschende sind keine zusätzliche Stimme im Forschungsprozess. Sie sind eine eigene Perspektive auf das, was wirksame Suchtprävention überhaupt bedeuten kann und vor allem für wen.
Weitere Informationen zum Projekt, zu Materialien wie Podcastfolgen und Informationsvideos sowie zu weiterführenden Publikationen finden Sie unter https://www.praewi.de/.