Migrations- und Fluchtforschung: wissenschaftlich etabliert und öffentlich unsichtbar?

Die Migrations- und Fluchtforschung stellt ein etabliertes und ausdifferenziertes wissenschaftliches Feld dar, das den jüngeren Forschenden eine breite Arena und vielfältige Optionen bietet – könnte man meinen. Im Unterschied zu den Älteren, die ihren Gegenstand noch begründen mussten, ist heute die Relevanz von Migration gesellschaftlich und wissenschaftlich unstrittig. Mit den politischen Entwicklungen und wissenschaftlichen Institutionalisierungsprozessen der letzten Jahrzehnte gehen jedoch auch neue Herausforderungen einher. Der Beitrag erörtert diese Veränderungen mit Schwerpunkt auf dem deutschsprachigen Raum. Was ergibt sich hieraus für die künftige Forschung? Mit Blick auf eine stärkere öffentliche Wirksamkeit stellt die Autorin ihre Anregungen zur Diskussion.

 

Vor 50 Jahren war das Thema Migration in den deutschsprachigen Sozialwissenschaften nur wenig vertreten und das Wort Migration in der Öffentlichkeit nicht geläufig. Wer, wie die Autorin dieses Beitrags, zu denen gehört, die die rasanten Veränderungen seither miterlebt haben, kann nicht glauben, dass innerhalb eines Wissenschaftler*innenlebens ein Forschungsfeld und ein gesellschaftlicher Diskurs so massiv an Bedeutung gewonnen haben.

Im Folgenden wird diese Erfolgsgeschichte näher beleuchtet. Auf die Lichtseiten dieser Entwicklung werde ich ebenso eingehen wie auf ihre Schattenseiten. Aus meiner Sicht sind einige Neujustierungen angebracht, sollte eine größere öffentliche Sichtbarkeit und gesellschaftliche Relevanz der Migrations- und Fluchtforschung angestrebt werden.

 

Die Anfänge

Im deutschsprachigen Raum begann die Migrationsforschung, die damals meist Ausländer- oder Gastarbeiterforschung genannt wurde, in den 1970er und 1980er Jahren. Die Protagonist*innen initiierten Forschungsverbünde, besorgten Drittmittel – genau wie heute. Das Feld war zunächst überschaubar und wurde in den jeweiligen Fachdisziplinen nur von wenigen bestellt, man kannte sich.

Das Diskursfeld zu Migration war aufgrund gesellschaftlicher Veränderungen entstanden. Quantitativ und qualitativ gab es beträchtliche Dynamiken, auf die Öffentlichkeit, Politik und natürlich auch Wissenschaft reagierten. Wenn heute von manchen eingefordert wird, dass sich Wissenschaft aus Politik heraushalten sollte, so ist dies gerade bei den Sozialwissenschaften inhaltlich und angesichts der gewünschten Beratungsfunktion nicht möglich.

Eines der zentralen Anliegen der westdeutschen Forschenden war, sich gegen das zu stemmen, was wir heute ‚Skandalisierung‘ nennen. Ziel war es, die öffentliche Debatte zu versachlichen, aufzuklären und zu informieren. Die Nachfrage nach Wissen und Erklärungen war da, und dem wurde Rechnung getragen. Es wurde versucht, folgendes deutlich zu machen: Zwar benötigen die gesellschaftlichen und politischen Akteur*innen tatsächlich mehr Wissen über die Zu- und Eingewanderten und die Dynamik von Migrationsprozessen, aber sie kommen nicht umhin, gleichzeitig die Aufnahmegesellschaften selbst anschauen, wo es Offenheit und Akzeptanz, aber auch Diskriminierung und Rassismus zu analysieren gilt.

Ein Dokument dieses Anliegens ist das von Klaus J. Bade herausgegebene Manifest der 60. Deutschland und die Einwanderung, das im Jahr 1993 abgeschlossen und 1994 veröffentlicht wurde. Die Verfasser*innen kamen aus unterschiedlichen Disziplinen; die Spanne reichte von historischen und juristischen Beiträgen bis zu kritischen Gesellschaftsanalysen.

Ein Interesse von Politik und Gesellschaft, diese wissenschaftlichen Impulse aufzunehmen, war nicht wirklich erkennbar. Lieber hielt sich die Öffentlichkeit daran fest, stattgefundene Einwanderungsprozesse zu negieren. Das erschien bequemer: Die gesamtgesellschaftliche Ebene wurde ausgespart, indem darauf beharrt wurde, dass sich nicht wirklich etwas verändert hätte. Im Grunde waren die politischen Akteur*innen beratungsresistent, wollten nicht an dem anknüpfen und daran weiterarbeiten, was Konsens der Wissenschaftler*innen war: Migration ist ein gesamtgesellschaftlich höchst bedeutsamer Prozess, der politisch aktiv und kreativ zu gestalten ist. Wie diese Gestaltung genauer erfolgen und wie Migration wissenschaftlich beforscht werden sollte, darüber entstanden im Zeitablauf zusehends mehr und unterschiedliche Auffassungen.

 

Etablierungsprozesse

Viele tausend Wissenschaftler*innen sind derzeit international in der Migrationsforschung tätig. In den letzten Jahrzehnten sind alleine im deutschsprachigen Raum mehrere Fachorganisationen entstanden, in denen Netzwerke aufgebaut, Workshops und Konferenzen durchgeführt, Anträge konzipiert, Zeitschriften gegründet, Publikationen koordiniert und Summer Schools und Dissertationspreise für die jungen Kolleg*innen organisiert werden. Zu diesen Fachorganisationen zählt die DGS-Sektion Migration und ethnische Minderheiten, die aktuell 238 Mitglieder hat. Auch wenn dieser Zusammenschluss innerhalb eines soziologischen Berufsverbandes platziert ist, so sind seine Mitglieder keineswegs alle Soziolog*innen. Ihre Zugehörigkeiten zur Ethnologie, der Erziehungs- und Politikwissenschaft und anderen Sozialwissenschaften belegt die in der Migrationsforschung von Beginn an angelegte Transdisziplinarität.

In dem oben erwähnten Manifest der 60 waren bereits verschiedene Disziplinen vertreten. Der damalige Zusammenschluss mündete in den Rat für Migration (RfM), der derzeit 220 Mitglieder hat. Im Jahr 2023 beging der RfM sein 25-jähriges Jubiläum mit einer großen Tagung, auf der intensiv auch die eigene Entwicklung reflektiert wurde. Als zentraler Unterschied zur Anfangszeit wurde mehrfach festgestellt, dass der Rat heute weniger männlich, weniger weiß und weniger professoral ist und die Mitglieder heute im Schnitt jünger sind. Migrationsforschung wird heute vielfach von Wissenschaftler*innen betrieben, die selbst eine Migrationsgeschichte oder Rassismuserfahrungen haben.

Anders als die DGS-Sektion geht der RfM immer wieder mit Stellungnahmen zur Tagespolitik, Appellen und Interventionen an die Öffentlichkeit. Eine solche kritische Politikbegleitung betreibt auch das 2015 begründete Netzwerk Fluchtforschung e.V. , das aktuell über 300 Mitglieder hat. Es richtet sich ausdrücklich an alle, die sich wissenschaftlich, politisch und praktisch mit dem Thema Flucht beschäftigen und ist auch auf europäischer Ebene sehr aktiv. Dem dient der Blog, in dem auch dieser Beitrag erscheint. Er adressiert ausdrücklich und in zeitlich dichten Abständen ein breiteres, auch außerwissenschaftliches Publikum. Leider ist hier nicht der Platz, all‘ die Blogs, Podcasts oder gestreamten Vorlesungen, in denen Wissenschaftler*innen zu aktuellen Debatten Stellung nehmen, aufzuführen. Die beindruckende Entwicklung des Netzwerks Fluchtforschung zeigt den Bedarf und die Notwendigkeit, den vielfältigen Fluchtprozessen neue Foren für Grundlagenforschung, Politikanalysen und Reflexionen zu bieten. Fluchtforschung ist zwar eng mit Migrationsforschung verflochten, artikuliert sich in wachsendem Umfang aber auch eigenständig.

Angesichts der vielen hundert Forschenden im Feld der Migrations- und Fluchtforschung fällt eine beträchtliche Diskrepanz auf: die Anzahl einschlägiger Professuren mit Denomination Migration an deutschen Hochschulen ist bundesweit sehr übersichtlich, mit Denomination Flucht gibt es nur eine Handvoll. Das Verhältnis ist absolut unterproportional. Die Expansion der Migrationsforschung fällt ausgerechnet in eine Zeit, in der die Sozialwissenschaften sich immer weiter ausdifferenzieren und gesellschaftlich ‚viel zu tun‘ haben, entsprechend passende Stellen an den Hochschulen jedoch rar gesät sind. Wer eine wissenschaftliche Laufbahn in diesem Feld anstrebt, hat mit starker Konkurrenz und mit einem strukturellen Dilemma zu tun. Inter- und Transdisziplinarität wird zwar rhetorisch gewollt, bezogen auf Stellen aber nicht honoriert. Im Hauptberuf Migrationsforscher*in zu sein, ist Chance und Problem zugleich. Wer sich beispielsweise auf eine Professur in der Sozialpsychologie mit Schwerpunkt Migration bewirbt, muss damit rechnen, dann im ‚eigentlichen‘ Fach als nicht breit genug ausgewiesen zu gelten.

Eine wichtige Lücke bezüglich der Arbeitsmarktsituation schließt das im Jahr 2017 gegründete Deutsche Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM). Das Institut sowie die damit verbundene Forschungsgemeinschaft bündeln die Aktivitäten vieler Forschungseinrichtungen und sind durch Interdisziplinarität und Heterogenität gekennzeichnet. Es bot und bietet seither Hunderten von (Nachwuchs-)Wissenschaftler*innen Qualifikationsmöglichkeiten und Stellen. Betrachtet man den Namen dieser wissenschaftlich und wissenschaftspolitisch einflussreichen Institution, so fällt auf, dass der Titel „Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung“ das Profil nicht wirklich abbildet. Für die Mehrheit der Projekte und Mitarbeiter*innen passt das Wording „Integration“ nicht (mehr). Viele lehnen den Begriff ab, da er aus der sog. konventionellen Migrations- und Integrationsforschung stamme. Integration wird als ‚Dachbegriff‘ jedoch weiter benutzt, da sich dadurch eine größere gesellschaftliche Akzeptanz erhofft wird. Dies ist auch bei anderen Institutionen der Fall, wie etwa bei dem sehr wertvollen Recherche-Dienst Mediendienst Integration.

Damit ist eine weitere Problematik benannt, die in den Anfängen der Migrationsforschung noch nicht so strittig war wie heute: Die Frage danach, wie man sich als Forschende begrifflich und theoretisch positioniert.

 

Kämpfe um Deutungsmacht

Als sich die Autor*innen des Manifests im Jahr 1994 zu Wort meldeten, war die Richtung ganz klar. Wissenschaft wollte die Öffentlichkeit und Politik aufklären sowie Wissen und Instrumente für die Praxis anbieten. Mit der Ausdifferenzierung der Migrationsforschung sind in den letzten Jahrzehnten Kontroversen und Streitigkeiten um die Deutungshoheit entstanden. Mit dem RfM, dem Sachverständigenrat für Integration und Migration, der Kommission der Bundesregierung zu den Rahmenbedingungen der Integrationsfähigkeit, dem Forschungszentrum des BAMF, das soeben sein 20-jähriges Bestehen feierte, dem Verbundprojekt Flucht- und Flüchtlingsforschung: Vernetzung und Transfer (FFVT) u.v.a. haben sich im Vergleich zu den 1980er und 1990er Jahren die Kontexte von Wissenschaft, Politik und Wissenschaftspolitik ausdifferenziert. In Folge der großen Fluchtbewegungen in die Europäische Union in den Jahren 2015 und 2016 hat sich die Erfolgsgeschichte der Migrationsforschung bezogen auf die Fluchtforschung wiederholt; auch hier waren das starke öffentlich und politische Interesse förderlich. Indikator für diesen noch vor 20 Jahren unvorstellbare Aufstieg eines Forschungsfeldes ist das Handbuch für Flucht- und Flüchtlingsforschung mit insgesamt 882 (!) Seiten.

Es gibt nicht ‚die‘ Migrationsforschung, sondern auch hier zeigt sich die Ausdifferenzierung in viele Richtungen: Reflexive Migrationsforschung, Kritische Migrationsforschung, Integrationsforschung, Postmigrantische Forschung, Grenzregime- und Fluchtforschung. Auch Richtungen, die Migration oder Flucht nicht im Titel tragen, wie die Gender Studies, die Bildungsforschung oder die Familienforschung leisten wichtige Beiträge. Hier wird Migration endlich, möchte ich sagen, als allgegenwärtiger sozialer Prozess verstanden – bis hin zur Demigrantisierung bei den jeweiligen Analysen. Wo ist dann das Problem? Multiparadigmatische Wissenschaften gehören nun mal zu einer ausdifferenzierten Gesellschaft. Wissenschaft lebt vom Streit der Paradigmen und Theorien. Der wechselseitige Ideologie-Verdacht hat jedoch solche Dimensionen angenommen, dass genau dieser Streit heute kaum noch stattfindet. Man trifft sich lieber nur mit seinesgleichen. Wer diese Regel verletzt, muss mit Interventionen rechnen. Als Migrationsforscherin, die sich auch als Integrationsforscherin und Integration in einem umfassenden Sinne versteht, kann ich mich an mehrere Konferenz-Situationen erinnern, in der ‚integrative‘, richtungsübergreifende Panel-Settings manchen Kolleg*innen ein Dorn im Auge waren.

Unter der Frage „Why has Migration Research so little impact?“ haben Katharina Natter und Natalie Welfens die Dilemmata, mit denen sich die neue Generation der Migrations- und Fluchtforscher*innen auseinandersetzen muss, in einer ausführlichen und spannend zu lesenden Analyse herausgearbeitet. Sie gehen davon aus, dass das Feld höchst disparat ist – und nicht nur das. Die einzelnen Paradigmen gehen sogar so weit, sich wechselseitig zu de-legitimieren. Für mich ist das der zentrale Punkt: Viele Forschende bestreiten die Berechtigung anderer Ansätze und verwenden sehr viel Energie auf diese internen Kämpfe. Diese innere Fragmentierung erklärt auch mit, weshalb so wenig an Forschung nach außen dringt. Salopp gesagt, sind wir zu stark mit uns selbst beschäftigt. Es würde sich lohnen, den Blick nicht nur nach innen, sondern verstärkt nach außen zu richten.

 

Vorschläge

Wir als Forschende unterstellen häufig, dass die Öffentlichkeit nichts von komplexen Zusammenhängen hören will. Eine Reaktion darauf ist, lieber gar nicht in die Öffentlichkeit zu gehen, was wertvolle wissenschaftliche Ergebnisse unsichtbar macht. Diejenigen, die wie ich davon ausgehen, dass wir trotz aller unterschiedlicher Zugänge ein gemeinsames Anliegen mit Blick auf die Öffentlichkeit haben, könnten neue Dinge ausprobieren. Ein geeigneter Kontext hierfür sind zum Beispiel Vortragstätigkeiten vor einem breiteren Publikum:

  • Wir könnten mehr davon sprechen, dass es spannend ist, sich wissenschaftlich mit Migration und Flucht zu beschäftigen und über interessante Befunde zu berichten.
  • Dabei könnten wir auch darauf hinweisen, dass es unterschiedliche Zugänge gibt. Das hält das Publikum aus! So kann man als Soziologin davon sprechen, einen bestimmten Ansatz zu vertreten und Kolleg*innen im eigenen Fach und in anderen Fächern teilweise anders vorgehen. Das setzt voraus, dass man selbst über den eigenen Tellerrand schaut.
  • Wir können uns offensiv als Wissenschaftler*innen zeigen und an unserem eigenen Beispiel über unsere Erkenntnisgewinne berichten. Wir können einen Forschungsbefund z.B. damit einleiten, dass wir sagen: Ursprünglich hatte ich gedacht …

So können wir uns in zweierlei Gestalt zeigen: Wir können uns als Mannschaftsspieler*innen, die aus einem Institut oder aus einem Projekt kommen, und als Einzelspieler*innen zeigen, die das Publikum an den eigenen Erkenntnisfortschritten teilhaben lassen und sich durchaus als Person zeigen. Dass Sozialwissenschaftler*innen verborgene und tabuisierte Prozesse, zum Beispiel Machtfragen, sichtbar machen, ist ihr Kerngeschäft. Insofern müssen wir immer wieder anecken. Damit müssen wir rechnen. Unsere gesellschaftsanalytische Kompetenz kann uns dann helfen, den Widerstand gegen unsere Erkenntnisse einzukalkulieren. Lassen wir die Gesellschaft an unseren spannenden Debatten teilhaben – und führen wir sie auch intern wieder offener miteinander.

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